Die Muse und der Sorgendieb
Die Muse und der Sorgendieb
»Ich will nicht!« Fillith streckte Arme und Beine von sich, um nicht von ihrer Mutter nach draußen geschoben zu werden. »Nein! Lass mich!«, keifte sie und schlug wild mit ihren Flügeln.
Die Mutter starrte ihre Tochter an. »Es ist deine Pflicht, in die Welt hinauszufliegen und neue Inspirationen zu verbreiten. Also auf mit dir!«
»Jeder darf sich seine Aufgaben aussuchen, warum ich nicht?«
»Weil du eine Muse bist. Unser Leben besteht aus Inspiration! Alles um uns herum blüht und leuchtet. Wir sind diejenigen, die mit den Staubkörnern tanzen und mit dem Licht eines Regenbogens ein Einhorn erwecken! Ansonsten ist niemand in der Lage, Derartiges zu tun. Natürlich müssen wir dafür die Inspiration sammeln und an andere Wesen weitergeben. Unser Kuss weckt in ihnen Ideen. Stell dir vor, dass du allein es schaffen kannst, dass aus einem ungeliebten Erdklumpen eine prächtige Rose wird. Dadurch bekommst auch du ein Leben voller Glück.«
Fillith rümpfte die Nase. »Bekomme ich nicht! Sonst dürfte ich entscheiden, was ich tun möchte. Ich will nicht dazu da sein, dass Künstler, Wissenschaftler oder was weiß ich wer auf mir herumhacken. Warum kann ich nicht selbst schreiben, malen oder musizieren?«
Die Mutter zwängte sich an ihrer Tochter vorbei und schob die Blätter der Orchideenblüte auseinander. Draußen war es hell, beinahe grell. Die Sonnenstrahlen erreichten Fillith, kitzelten sie und wärmten ihre Flügel. Außerdem strömten zahlreiche Gerüche auf sie ein. Farben, Töne – alles stieß ungefiltert zu ihr durch. Jeder ihrer Sinne wurde betört. Es war schmerzhaft, doch sie hielt es aus. Zumindest für den Moment. Ein weiterer Grund, nicht dem Weg der Musen zu folgen. Es war zu viel.
»Liebling, der Anfang ist nicht leicht. Aber mit der Zeit lernst du, nicht auf sämtliche Empfindungen zu reagieren.« Ihre Mutter deutete abermals auf die Welt, die sich vor Filliths Augen öffnete. »Weißt du, was ich sehe, wenn ich mir meine Umgebung ansehe?« Sie wartete keine Antwort ab. »Ein Reich voller ungehobener Schätze. Auf dem Tisch dahinten landen die unterschiedlichsten Gerüche und Geschmäcker! Du musst unbedingt ein Stück Schokoladenkuchen probieren und an einem Glas Apfelschorle nippen. Und die Blumensträuße – herrlich! Tulpen, Rosen – manchmal mit Farnen und Gräsern. Wenn du erst draußen bist, wartet ein gedeckter Tisch auf dich. Also hinaus mit dir!«
